Gedanken

Was wir über die Krankheit wissen können oder:
„Der Mensch an sich ist krank“

„Der Körper lügt nicht“

(John Diamond)


Der Körper lügt nicht

Der Körper als Naturprinzip, ausgestattet mit allem Lebensnotwendigen, zeigt sich, wenn er sich zeigen darf, offen in all seiner Vielfältigkeit, an nichts gebunden als an sich selbst. Der Körper, wenn er Körper sein darf, ist damit bei sich: er wohnt in sich selbst. (Auf dieser Ebene sind alle Lebewesen – der Mensch eingeschlossen! – mit einander verbunden und schöpfungsgeschichtlich eins). Betrachten wir die Körperfunktion, ursprünglich, in seinem vorbestimmten Lebensraum, so funktioniert der Körper (als universale Wissensquelle) vital und gesund aus sich heraus. Der Körper braucht keine Anleitung, er ist sicher verbunden mit seinem zentralen Nervensystem. Der Körper lebt seine Bestimmung, folgt seiner eigenen Organisation, ist in diesem Sinne „wahr“ und „gesund“.

Die Natur hat dem Körper die Fähigkeit zu denken, Verstand zu entwickeln, mitgegeben und ihn damit in die Selbstbestimmung, in die Selbständigkeit und Verantwortlichkeit für sich selbst und andere entlassen. Glück, Freude, Leid und Schmerz sind damit integrale Bestandteile des Lebens (auf dem Planet Erde) wie auch die Zeit (Möglichkeit, Fähigkeit) der Bewusstwertung. Insofern, könnte man sagen, ist das Leben eine Herausforderung, eine Prüfungs- und Reifungszeit für weitere Aufgaben im Sinne des Seins an sich, der „ewigen Energie“, dessen Anteil wir sind. Von dem zunächst ursprünglichen (eingeborenen) Weg trifft der Körper nach und nach auf Wege (Zustände), die abweichen vom Ursprung, bis hinein in komplizierte Verzweigungen, die das Eigentliche unsichtbar machen oder ganz vergessen lassen. Der einstmals neutrale, unangefüllte und damit vorurteilsfreie, dem Leben anvertraute Weg ist zum Irrweg (von der Bestimmtheit zur Unbestimmtheit) geworden. Indem sich der Körper dem Leben aussetzt, wird er von ihm, seiner theoretischen und praktischen Anhäufung (Normen, Werte, Ideologien …) mitgenommen und Sichtweisen unterzogen, die psychisch, im seelischen Konflikt, enden. Der Verdrängungsmechanismus türmt Schicht um Schicht auf und jede Schicht wirft ihren Schatten. Je mehr Raum das Ego, die äußere Welt, einnimmt, desto kleiner wird der Körper, zugedeckt von seinem eigenen Schatten, „erdabgewandt“ (naturfern), fremd. Die archetypischen Strukturen (das Urwissen mit der Natur zugewandten Seite) werden ersetzt durch Fortschrittsglaube, dogmatisches Denken, Wahn und Entfremdung.

Denken wir diesen Gedanken zu Ende, so ist das menschliche Leben immer ein Weg, der im Nichts (in der Leere) beginnt und im Nichts (in der Leere) endet. Dazwischen liegt das Leben: die Anfüllung, die Anhäufung, die Informationsflut, die unbewältigt bleibt, schwer, so schwer, dass der Zusammenbruch droht. Streben die polaren Kräfte: Körper – Verstand (Geist) auseinander, wird eine Seite so schwer, dass sie zusammenbricht. Am Ende ist es immer der Körper, der die Konsequenzen zu tragen hat, er fällt auf sich selbst. (Die Medizin hat unzählige Namen dafür). Was vorher noch vital und gesund war, ist jetzt müde, aufgezehrt und verbraucht, krank. Es ist die so genannte „Sozialisation“, es sind die Parameter einer jeden Zeit, die den Körper aus seiner ursprünglichen Mündigkeit in die zeitangepasste Unmündigkeit führt, seine erste Natur, die Bejahung, vergessen lässt und schwächt.

Eines ist dabei ganz sicher: So wie wir die Welt (als Naturerscheinung) betrachten, wie wir sie sehen und wie wir mit ihr umgehen, so gehen wir mit uns selber um. Begreifen wir die Erde und alles, was darauf existiert, als das Wesenhafte in uns und begreifen wir, dass alles, was existiert, in uns selbst ist, begreifen wir, dass wir uns nicht abtrennen dürfen von all den Dingen, die da sind (vom Berg, vom Baum, vom Tier, von unseren Mitmenschen), begreifen wir, dass wir aus dem Einen kommen (wie wir es auch immer nennen) und wieder dorthin zurückkehren, begreifen wir die Abtrennung, die Entfernung im Sinne des „Geworfenseins“ (Heidegger) … je weiter wir uns vom Ursprung entfernen, desto weiter entfernen wir uns von unserem Selbst, immer auf der Suche nach Irgendwas, heimatlos – wir tragen „selbstverschuldet“ unseren Körper in die Krankheit hinein.

Und so können wir sagen: Die Krankheit, in ihrer ganzen Tiefe begriffen, ist das Leben! „Der Mensch kann in diesem Universum niemals mehr machen, als Sehenlernen – das allerdings ist das Schwerste. Entwicklung beruht allein auf der Veränderung der Sichtweise (…). So muß der Mensch zuerst tief hinabsteigen in die Polarität der materiellen Welt, in Körperlichkeit, Krankheit, Sünde und Schuld, um in der dunkelsten Nacht der Seele und in der tiefsten Ver-zwei-flung jenes Licht der Ein-sicht zu finden, das ihn befähigt, seinen Weg durch Leid und Qual als ein sinnvolles Spiel zu durchschauen, das ihm half, sich dort wiederzufinden, wo er schon immer war: in der Einheit.“ (Thorwald Dethlefsen)

„Nachgedanken:
Im milden Licht der Winternacht
hab ich mich zu den Mäusen aufgemacht.
Du aber fragst, warum denn nur?
Hör zu, es ist kein Tier so klein,
das nicht von dir ein Bruder könnte sein.“

(Francois Villon)
(aus: Eine kleine Ballade von dem Mäuslein, das in Villons Zelle Junge bekam)

Alfons Köhler, Berlin, den 6. 11. 2010